Der kritischste Faktor in der erfolgreichen Investition in Life Settlements ist die korrekte Angabe der „Life Expectancy“ („LE“, Lebenserwartung). Die Lebenserwartung ist der bestimmendste Faktor bei der Preisgestaltung von Life Settlements, während die tatsächliche Laufzeit ihre tatsächliche Rendite bestimmt.
Eine „optimistisch“ veranschlagte Lebenserwartung kann dazu führen, dass Sie einen höheren Preis zahlen, als Ihre Konkurrenten bereit wären, zu zahlen. Eine „konservativ“ veranschlagte Lebenserwartung bringt mit sich, dass Sie oft fehlgreifen werden oder Ihren Anlegern eine viel niedrigere Rendite in Aussicht stellen müssen.
Logischerweise führt ein optimistisch festgelegter Preis eher zu Enttäuschungen, während ein konservativ festgelegter Preis eher zu positiven Überraschungen führt.
Wichtig ist dabei, sich im Klaren zu sein, dass Lebenserwartungen auf der durchschnittlichen Lebensdauer einer homogenen und repräsentativen Gruppe von Personen in vergleichbaren Situationen basieren. Sie sagen nur wenig über eine individuelle Person aus.
Die tatsächliche Lebensdauer weicht grundsätzlich von diesem Mittelwert ab.
Gloria Grening Wolk hantiert in ihrem Buch Life Settlements, an Investor’s Guide, folgende juristische Definition aus dem Artikel Life Expectancy, What Lawyers need to know, von Strauss und Shavelle (AVMA, 1999):
„Life Expectancy is the average of survival times for a population that shares certain characteristics (age, location, health, and so on). It represents the remaining expected number of years for a typical member of that population.“ (Die Lebenserwartung ist der Durchschnittswert der verbleibenden Lebensdauer einer Gruppe, die miteinander bestimmte Charakteristiken teilt (Alter, Region, Gesundheitszustand, usw.). Sie stellt die verbleibende Anzahl Jahre eines typischen Mitglieds dieser Gruppe dar.)Die Lebenserwartungen standen oft im Mittelpunkt der Interessen der Industrie. Im Jahr 2004 strengte Coventry First ein Rechtsverfahren gegen 21st Services und EMSI an. Hierzu später mehr. 2006 veröffentlichte eine deutsche Zeitschrift einen Artikel, aus dem hervorging, dass die meisten Life Settlement-Fonds auf dem deutschen Markt ihre Renditeerwartungen wegen allzu optimistischer Annahmen über die Lebenserwartung korrigieren mussten.
In gewisser Hinsicht ist die Bestimmung der Lebenserwartung die Achillesferse der Life Settlement-Produkte. Ein Anbieter von Produkten muss deshalb auch gut über Methoden Bescheid wissen, die die Anbieter der Lebenserwartungen anwenden.
Als Anleger brauchen Sie die folgenden Ausführungen nicht selbst zu verstehen oder zu untersuchen. Sie müssen nur die Gewissheit haben, dass Ihr Anbieter über die Hintergründe der Lebenserwartung Bescheid weiß, gute Methoden zur Risikobeherrschung anwendet und die Renditen nicht zu hoch einschätzt.
Lebenserwartung – Zahl kontra Tabelle
Aus praktischen Gründen werden Lebenserwartungen oft in Form einer Zahl angegeben. Diese einfache Zahl, z. B. 84 Monate, ist jedoch nur ein Teil des Ganzen. Die Streuung (Standardabweichung) um diese Zahl ist ebenso wichtig für die Bestimmung der Lebenserwartung wie die Wahrscheinlichkeitsverteilung um diesen Mittelwert.
Um dies zu verdeutlichen: Jemand, der mit 65 Jahren eine Lebenserwartung von 60 Monaten (5 Jahren) hat, kann immer noch (auch wenn es unwahrscheinlich ist) 85 werden (20 Jahre). Die Streuung erstreckt sich also von 0 bis 20 Jahre.
Die Streuung für einen 90-Jährigen mit einer Lebenserwartung von 60 Monaten kann sich wiederum von z. B. 0 bis 10 Jahre erstrecken.
Die Wahrscheinlichkeitsverteilung des Ablebens in einem bestimmten Jahr kann am besten mit folgender Illustration verdeutlicht werden:
Bei einer Lebenserwartung von 60 Monaten kann angenommen werden, dass 50 % der Menschen vor Verstreichen der 60 Monate sterben und 50 % danach. Ein gutes Verständnis der Verteilung ist von entscheidender Bedeutung für den Kaufwert der Police und eine versicherungsmathematische Bewertung des Portfolios. Die meisten Institute bieten neben einer durchschnittlichen Erwartung auch eine zusätzliche Tabelle, aus der der Verlauf der Lebenserwartung abgeleitet werden kann.
Die grossen Sechs
Es gibt sechs Institute, die Lebenserwartungen ausstellen und auf dem Markt im Wesentlichen anerkannt sind. Obwohl jedes Institut seine eigenen Methoden hat, bauen alle Methoden auf demselben Grundprinzip auf: allgemeinen Sterblichkeitstabellen (vorzugsweise spezifisch für Geschlecht, Hautfarbe, Region, usw.) mit Plus- und Minuspunkten für den individuellen Gesundheitszustand oder die soziale Situation der jeweiligen Person.
Diese Unternehmen sind:
Die ersten vier Unternehmen dieser Liste wurden auch von Lloyds genutzt, als Lloyds noch in dieser Branche aktiv war. Das verleiht ihnen eine gewisse Glaubwürdigkeit. ISC ist ein Newcomer, gilt aber trotzdem als „vollwertig“. ISC hat den Ruf, äußerst konservativ zu sein, und betreut mittlerweile einige sehr große Kunden. Midwest ist kein Mitglied von LISA und hat den Ruf, eher aggressive Ergebnisse zu liefern. Dennoch hat auch Midwest einen sehr großen Kreis vor allem kleinerer Kunden.
Diese Institute stehen nicht unter behördlicher Aufsicht. Da es diese Industrie noch nicht so lange gibt, liegen fast keine brauchbaren Erfahrungswerte vor, die die durchschnittliche Abweichung der Angaben dokumentieren, auch wenn es die ein oder andere historische Information gibt. Ihre Bedeutung ist allerdings nur von begrenzter Relevanz, da sich die Methoden immer weiter verbessern.
Der Markt tut ein Übriges, um diese Entwicklung zu beschleunigen. Im Jahr 2004 strengte Coventry First ein Rechtsverfahren gegen 21st Services und EMSI an. Der Grund war, dass Coventry vermutete, dass diese Institute strukturell zu niedrige Lebenserwartungen angaben, wodurch ihre Kunden höhere Gebote erzielten und Coventry beim Kauf von Policen immer öfter danebengriff. Mir wäre nicht bekannt, dass es in dieser Sache jemals ein Urteil gegeben hätte. Die Lebenserwartungen haben sich seitdem aber erhöht. Auch Midwest (ehemals Amscot) hatte ein Rechtsverfahren. Die Folgen waren eine verbesserte Vorgehensweise und ein neuer Firmenname.
Vergleich verschiedener Angaben
Bei Policen, die auf dem Life Settlement-Markt angeboten werden, werden oft mehrere Bewertungen der Lebenserwartung angefordert. Das ermöglicht einen Vergleich zwischen den Ergebnissen der verschiedenen Institute. So kann man sich auch ein Bild davon machen, wie sehr sich die angewandten Methoden in optimistischen oder konservativen Ergebnissen niederschlagen. Aus diesem Grund besteht ein gewisser Konsens unter den Fachleuten, dass die Institute mit ihren Methoden nach Maßgabe zunehmender Lebenserwartungen geordnet werden können, wie folgt: Midwest, 21st Services, AVS, EMSI, Fasano, ISC.
Diese These wurde Anfang 2007 durch die Untersuchung von 337 Policen aus dem Jahr 2006 durch
Life Policy Dynamics gestärkt:
Unterschiede zwischen den Methoden führen zu unterschiedlichen Ergebnissen für ein und dieselbe Person. Die oben beschriebene Tendenz ist ein Durchschnittswert; individuelle Situationen können auch gegenteilige Ergebnisse aufweisen.
Dass sich die Methoden letztendlich weniger voneinander unterscheiden, als die vorherige Grafik vermuten lässt, zeigt die folgende Grafik, die derselben Untersuchung entnommen ist. Darin wird angegeben, bei welchem Alter die verschiedenen durchschnittlichen Restlebenserwartungen von den jeweiligen Instituten ermittelt werden:
Methoden
Die Grundlage für die Bestimmung einer Lebenserwartung ist im Allgemeinen immer dieselbe: die anzuwendenden Sterblichkeitstabellen, korrigiert durch individuelle Faktoren. Nur die konkrete Anwendung dieses allgemeinen Ausgangspunktes ist bei jedem Institut unterschiedlich.
Es ist schwierig, Details über die von diesen Instituten angewandten Methoden in Erfahrung zu bringen. Diese Informationen werden als Betriebsgeheimnisse – als „proprietary information“ – betrachtet.
Mögliche Unterschiede zwischen den Instituten:
- die eingesetzte Sterblichkeitstabelle
- die Anpassung der Tabellenwerte aufgrund der individuellen Situation
Es sind verschiedene Sterblichkeitstabellen im Umlauf. Regelmäßig werden neue statistische Daten ermittelt, aufgrund derer die Sterblichkeitstabellen dann angepasst werden. Offizielle Tabellen werden von der amerikanischen Society of Actuaries erstellt. Die letzte Version wurde von Tillinghast vorbereitet und am 29. August 2006 präsentiert.
Derzeit werden im Allgemeinen hauptsächlich die 2001 VBT-Tabellen und die 2001 CSO-Tabellen angewandt. Midwest gibt auf seiner Website an, dass es mit den CSO-Tabellen arbeitet. 21st Services verwendet die 2001 VBT-Tabellen. Von anderen Instituten ist nicht bekannt, welche Sterblichkeitstabellen sie verwenden. Es ist sehr gut möglich, dass nicht öffentliche, maßgeschneiderte Tabellen zur Anwendung kommen.
Zu der Anwendung der allgemeinen Tabellen sind verschiedene Dinge anzumerken. So gibt es etwa deutliche Unterschiede in der Lebenserwartung zwischen Männern und Frauen, Weißen und Schwarzen, Rauchern und Nichtrauchern, usw. Wichtig ist deshalb, dass man die jeweils relevante Tabelle verwendet.
Ferner ist es wichtig, zu berücksichtigen, dass die gesamte amerikanische Bevölkerung auch aus sehr vielen in Armut lebenden Menschen besteht, die in der Regel keine Lebensversicherungen abschließen. Diese Bevölkerungsgruppe hat eine deutlich niedrigere Lebenserwartung als die typischen Verkäufer von Life Settlements.
Ein anderer wichtiger Faktor ist, dass die Sterblichkeitstabellen auf den Daten von Menschen basieren, die heute jung sind. Die Verkäufer von Life Settlements sind normalerweise siebzig oder noch älter und stellen damit eine eigene Untergruppe innerhalb der Gesamtbevölkerung dar. Die Sterblichkeit dieser Untergruppe sieht anders aus, als das die allgemeinen Tabellen auf den ersten Blick vermuten lassen:
Eine letzte wichtige Feststellung ist der Umstand, dass ein heute Siebzigjähriger wahrscheinlich noch mehr Jahre vor sich hat als ein Siebzigjähriger vor 10 Jahren. Wie viele Jahre mehr, diese Frage wird sich erst in der Zukunft beantworten.
US Tabellen:www.actuary.org
Plus- und Minusfaktoren
Die „Plus- und Minusfaktoren“, die die Institute anwenden, beziehen sich auf verschiedene Aspekte:
- individuelle medizinische Situation (einschließlich Familiensituation)
- individuelle soziale Situation
- medizinische Innovationen
Praktisch jeder, der das Alter von siebzig Jahren oder mehr erreicht hat, hat eine medizinische Akte. Nun muss beurteilt werden, in welchem Maße diese Akte das Ableben des Versicherten wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher macht. Dabei spielen einige besondere Faktoren mit, die in den letzten Jahrzehnten durch statistische Forschung ermittelt wurden. So nimmt der Unterschied in der Lebenserwartung zwischen Rauchern und Nichtrauchern mit steigendem Alter ab. Ein hoher Cholesterinspiegel im Blut wirkt bei Senioren lebensverlängernd und nicht lebensverkürzend (wie das bei Jungen der Fall ist). Dasselbe gilt im Wesentlichen für Übergewicht. Bei Jungen verkürzt Übergewicht die erwartete Lebensdauer, sobald ein Übergewichtiger aber älter als achtzig wird, hat er statistisch eine höhere Restlebenserwartung als ein durchschnittlicher Altersgenosse. Hier zeigt sich deutlich, dass es bei der Beurteilung einer Lebenserwartung viel mehr um die statistische/versicherungsmathematische Komponente geht als um rein medizinische Faktoren.
Mehr noch als die medizinische Situation können bei Älteren die sozialökonomischen Umstände ein wichtiger Faktor für die zu erwartende Restlebenszeit sein. Ein Partner, der in hohem Alter verstirbt, ein schnell schrumpfender Bekanntenkreis, mangelnde Mobilität und Vereinsamung sind oft entscheidende Faktoren. Der Verkauf der Lebensversicherung als Life Settlement trägt wiederum oft dazu bei, die sozialökonomische Situation zu verbessern und damit die Restlebenszeit zu verlängern.
Die Institute müssen entweder bei der Anwendung der Sterblichkeitstabellen oder als gesonderter Faktor die sich ständig weiterentwickelnde medizinische Wissenschaft berücksichtigen, die die durchschnittliche Lebenszeit der Versicherten erhöht. Einige Krankheiten, die heute behandelt wenn nicht gar geheilt werden können, hätten vor zwanzig Jahren noch zum frühzeitigen Ableben geführt. In die medizinische Forschung und Entwicklung werden Milliarden investiert, und das wirkt sich auf die Lebenserwartung aus.
Aktuellere Informationen über die allgemeinen Lebenserwartungen…
Benchmark-methode
Für einen Anbieter von Life Settlements wäre es unverantwortlich, selbst zu versuchen, Lebenserwartungen zu schätzen. Im Vorhergehenden zeigt sich deutlich, dass eine Arztmeinung, so fachmännisch sie auch sein mag, nicht zu einer besseren Schätzung beiträgt. Lebenserwartungen sind in erster Linie statistische Daten, die vor allem von Aktuaren verstanden und geschätzt werden können.
Lebenserwartungen müssen von spezialisierten Instituten eingeholt werden, vorzugsweise von den zuvor genannten „großen Sechs“. Da Policen oft zusammen mit einer Lebenserwartung angeboten werden, muss ein Anbieter zuvor konkretisieren, wie er vorgeht und welche Lebenserwartungen er akzeptiert. Auf jeden Fall muss er die Lebenserwartung selbst verifizieren.
AM Best veröffentlichte im Jahr 2005 einen Bericht, in dem es eine Art „Best Practice“ empfiehlt. Im Hinblick auf Lebenserwartungen wird darin vorausgesetzt, dass ein Anbieter mindestens zwei Lebenserwartungen von unabhängigen Instituten einholt. Dabei kommt dann die längere der beiden Laufzeiten zur Anwendung, wobei AM Best davon ausgeht, dass sich diese Lebenserwartungen um nicht mehr als 30 % voneinander unterscheiden (20 % bei Lebenserwartungen von über 96 Monaten). Wenn der Unterschied größer ist, muss eine dritte unabhängige Lebenserwartung eingeholt werden.
Beim Einholen einer Lebenserwartung schreibt AM Best vor, dass der Anbieter folgende Daten erhält:
- die Lebenserwartung;
- die Beurteilung (das „Rating“) der Sterblichkeit in Bezug auf die angewandte allgemeine Sterblichkeitstabelle;
- die individuelle Sterblichkeitstabelle, aus der sich die Verteilung der Sterblichkeitswahrscheinlichkeit pro Jahr ergibt und auf der die Lebenserwartung aufbaut;
- eine Indikation des primären Krankheitsbildes, wenn zutreffend.
Der letzte Faktor ist vor allem für die Zusammensetzung des Portfolios von Bedeutung. Es muss vermieden werden, dass eine Risikokumulation eines oder einer beschränkten Anzahl Krankheitsbilder stattfindet. Das Risiko, dass durch medizinische Innovation dieses eine Krankheitsbild behandelt werden kann, würde das Gleichgewicht des Portfolios beeinträchtigen.
Mehr Informationen zur Lebenserwartung...Halbjährlicher Performance Check 21st Services ...
Actual to Expected Ratios
Wenn wir in den Betrachtungen der Bezugswerte noch einen Schritt weiter gehen, fällt auf, dass der angegebene Prozentsatz kein „Verlässlichkeits“-Prozentsatz ist, sondern ein Wert, der die tatsächlichen Werte im Verhältnis zu den geschätzten Werten darstellt. Das ist ein wesentlicher Unterschied.
Wenn beispielsweise
Fasano einen Prozentsatz von
96 % angibt, könnte schnell der Eindruck entstehen, dass damit eine sehr hohe Verlässlichkeit gegeben ist. Das entspricht jedoch nicht der tatsächlichen Bedeutung dieses Prozentsatzes. Deutlich wird das, wenn wir uns den
Bericht von 21st Services ansehen (Mitte 2006). In dem Bericht über den Zeitraum von 2001 bis 2005 wird in der Altersklasse von 65-74 Jahren ein Wert von 120 % erreicht. Der Prozentsatz ist somit kein Verlässlichkeitsfaktor.
Um zu verstehen, was der Prozentsatz dann wohl ist, empfiehlt es sich, zum Ursprung der Lebenserwartungen zurückzukehren. Ein versichertes Leben wird zum Zweck der Bestimmung einer Lebenserwartung primär auf Basis allgemeiner Faktoren beurteilt (Alter, Geschlecht, Hautfarbe, Bundesstaat, usw.). Auf dieser Grundlage wird die am besten passende Sterblichkeitstabelle gewählt. Anschließend wird das tatsächliche Alter um individuelle „negative“ Faktoren (etwa eine gesunde Familiengeschichte) und individuelle „positive“ Faktoren (etwa bestimmte Krankheiten) korrigiert. Dies ist übrigens eine vereinfachte Darstellung. Das tatsächliche Verfahren ist viel komplizierter. Das Resultat ist eine individualisierte allgemeine Sterblichkeitstabelle. Diese Sterblichkeitstabelle kann etwa beinhalten, dass die Wahrscheinlichkeit des Ablebens aussieht, wie folgt: 1,5 % in Jahr 1 – 2,5 % in Jahr 2 – 3,4 % in Jahr 3 – 5,2 % in Jahr 4 – usw.
Die Lebenserwartung, die als Zahl angegeben wird (z. B. 80 Monate), ist der Medianwert der zuvor beschriebenen Kurve, vereinfacht ausgedrückt eine Art Mittelwert.
Im allgemeinen Sprachgebrauch wird nun oft von der Lebenserwartung gesprochen. Dabei sollte man sich aber bewusst sein, dass diese Lebenserwartung nicht mehr ist als eine Vereinfachung der ihr zugrunde liegenden Kurve. Wir haben bereits festgestellt, dass die Kurve verschiedene Formen annehmen kann (mit oder ohne Knick, mit kurzem oder langem Auslauf, usw.). Diese Variationen, die unter ein und derselben Lebenserwartung vorkommen können, können entscheidende Folgen für den Wert und die Risiken einer Life Settlement-Police haben. Wir müssen also mit der Verwendung des Begriffs „Lebenserwartung“ sehr vorsichtig sein.
Die Medical Underwriters zählen nun bei der Analyse ihrer Resultate alle individuellen Kurven der untersuchten Versicherten zusammen. Angenommen im Jahr 2005 besteht für Person 1 eine Wahrscheinlichkeit des Ablebens von 1,5 %, für Person 2 sind es 2,3 %,…. bis zu Person 20.000 mit einer Wahrscheinlichkeit von 0,3 %, dann können diese Wahrscheinlichkeiten zusammengezählt und das Ergebnis davon (z. B. 325 von 20.000 Personen) mit der tatsächlichen Anzahl der Todesfälle verglichen werden (z. B. 312 Personen). In diesem Fall würde der tatsächliche Wert im Verhältnis zum geschätzten Wert für das Jahr X 312/325, also 96 %, betragen.
Auch wenn diese Zahl tatsächlich etwas über die Verlässlichkeit der angewandten Methode aussagt, darf der Prozentsatz an sich nicht mit dem Verlässlichkeitswert verwechselt werden. Es gibt nämlich einige bedeutende Unzulänglichkeiten an dieser einen Zahl:
- Es bleibt unklar, wie die Qualität der kurzen und wie jene der langen Lebenserwartungen aussieht. Eine „Überschätzung“ der kurzen Lebenserwartungen kann durch eine „Unterschätzung“ der langen Lebenserwartungen kompensiert werden.
- Es bleibt unklar, ob sich die Methoden im Laufe der Zeit verbessern und wie sich das auswirkt.
- Die tatsächlichen im Verhältnis zu den geschätzten Werten können nur über die vergangenen Jahre festgestellt werden. Diese Branche ist aber noch so jung, dass die meisten Lebenserwartungen noch überhaupt nicht erreicht wurden.
- Verlässlichkeit wird auf einer Skala von 0 bis 100 % ausgedrückt. Der Wert der tatsächlichen im Verhältnis zu den geschätzten Werten wird auf einer anderen Skala angegeben und kann 100 % weit übersteigen. Es handelt sich also um nicht vergleichbare Werte.
Der Prozentsatz der tatsächlichen im Verhältnis zu den geschätzten Werten ist also
kein Verlässlichkeitsprozentsatz. Das bedeutet jedoch nicht, dass er keine Aussagekraft hätte.
In den Bewertungen (soweit sie öffentlich sind) zeigt sich, dass die Ergebnisse der ersten Jahre ziemlich nahe an den anfangs erwarteten Kurven liegen. Dennoch liegen sie so gut wie immer unter 100 %. Das bedeutete, dass die tatsächliche Anzahl Todesfälle bei jedem Medical Underwriter unter jener lag, die man aufgrund der Kurve erwartet hatte. Als wirklich konservativ hat sich bislang noch kein Underwriter erwiesen.
Auch die Medical Underwriters selbst warnen vor einer falschen Interpretation ihrer Zahlen.
21st Services schreibt auf seiner Website:
„As a rule, life settlement portfolios are very young and statistically significant data is available for only a few years. At present, an “actual-to-estimate” analysis should be viewed as an early indicator of performance trends that may or may not be predictive of long term mortality performance.“(Life Settlement-Portfolios sind in der Regel sehr jung und statistisch signifikante Daten gibt es erst seit einigen wenigen Jahren. Derzeit sollten Angaben über das Verhältnis der tatsächlichen zu den geschätzten Zahlen als Frühindikator einer Leistungstendenz betrachtet werden. Diese kann, muss aber nicht die langfristige Entwicklung der Sterblichkeit voraussagen.)